Notícia

Jüdische Rundschau (Alemanha)

Diplomatie der Wissenschaft

Publicado em 01 novembro 2014

Por Von Martina Farmbauer

Der ehemalige brasilianische Außenminister Celso Lafer spricht über die Beziehungen zwischen Deutschland und Brasilien, jüdische Themen in seinem wissenschaftlichen Werk und die Unterstützung für den sozialdemokratischen Präsidentschaftskandidaten Aécio Neves. Für die Jüdische Rundschau sprach Martina Farmbauer in München mit Celso Lafer.

Jüdische Rundschau: Herr Lafer, Sie waren vor 25 Jahren in München, um eine Konferenz zu leiten, die wiederum der Vorbereitung einer Konferenz der Vereinten Nationen (VN) über Wissenschaft und Technik in New York diente. Das war Ihre erste diplomatische Erfahrung. Nun sind Sie als Präsident der FAPESP im Rahmen der »FAPESP Week Munich« wieder hier. Und es war Ihre Idee, die FAPESP 2007 zu internationalisieren. Was hat Sie darauf gebracht?

Celso Lafer: Die Postgraduation in Brasilien konsolidierte sich ab den 1970er Jahren. Damit nahm ab, dass die Forscher ihre Doktorarbeit im Ausland machten und als Post-Docs im Ausland arbeiteten. Das nicht erwartete Nebenprodukt war eine gewisse Tendenz, mehr nach innen als nach außen zu schauen. Die vorherige Generation, die meine ist, studierte im Ausland und schuf ein Kontaktnetz. Und ich denke, dass dies mit der Globalisierung und mit der Tatsache, dass die Produktion des Wissens heute über Grenzen geschieht, immer wichtiger geworden ist. Deshalb forderte das Beibehalten eines angemessenen Niveau eine größere Interaktion mit dem Ausland als bis dahin.

JR: Sie haben nicht nur die Lesart und Perspektive eines Universitätsprofessors mitgebracht, der Sie sind, sondern als ehemaliger Außenminister und Botschafter bei den Vereinten Nationen auch Ihre eigene Erfahrung in den internationalen Beziehungen, der Diplomatie. Was haben Sie bei der Internationalisierung der FAPESP besonders genutzt?

Lafer: Ich war an der Konferenz von Rio 1992 beteiligt und danach an Rio +10. Bei allen diesen großen Themen, Klimawandel, Biodiversität, erschien mir die Bedeutung des Wissens fundamental. Also, wenn auf der einen Seite die (Rolle der) Wissenschaft in der Diplomatie existiert, existiert auf der anderen Seite auch eine Diplomatie der Wissenschaft. Was wir hier machen mit der "FAPESP Week", in der Interaktion mit den Forschern, Institutionen und Behörden Bayerns und Deutschlands, ist eine Diplomatie der Wissenschaft.

JR: Kann das vielleicht sogar mehr als eine Diplomatie der Wissenschaft sein, einfach Diplomatie in den bayerisch-brasilianischen Beziehungen?

Lafer: Kann, und mein Argument ist folgendes: Die Forscher teilen gewisse Werte – sie glauben an die Bedeutung der Forschung, an die wissenschaftliche Methode und daran, wie man durch Forschung Ergebnisse erhält. Sie bilden eine Gemeinschaft, die diese Werte hat. Und diese Gemeinschaft favorisiert das internationale Verständnis. Die Diplomatie der Wissenschaft ist ein Beitrag zur Diplomatie des Friedens.

JR: Die Beziehungen zwischen Bayern und Brasilien sind...

Lafer: ... gut und eng.

JR: Bayern hat schon einen eigenen Repräsentanten in São Paulo, São Paulo ist eine der sieben Partnerregionen, mit denen Bayern verstärkt zusammenarbeitet. Was kann die »FAPESP Week« noch beitragen?

Lafer: Unsere Intention mit der »FAPESP Week« ist just, aus der Veranstaltung und den Gesprächen, die dabei entstehen, eine Möglichkeit zu machen, die Kooperation zu vertiefen. Hier wird eine Art Interdisziplinarität der Kontakte gefördert, die man nicht immer bekommt. Wegen der Themen, die wir behandeln, gibt es einen Weg, interdisziplinäre Angelegenheiten auszumachen, die die einen und die anderen interessieren. Als ich 2007 Präsident der FAPESP wurde, gab es nur wenige internationale Abkommen. Heute haben wir 107. Also unsere Erfahrung ist sehr positiv. Derzeit laufen 300 Projekte zwischen São Paulo und einem anderen Land.

JR: Sie selbst haben sich in Ihrer wissenschaftlichen Arbeit auch mit jüdischen Themen beschäftigt und zusammen mit Maria Luiza Tucci Carneiro, einer der bedeutendsten NS- und Antisemitismus Forscherinnen Brasilien, ein Buch über »Judeus e Judaísmo na obra de Lasar Segall Segall « ( »Juden und Judentum im Werk Lasar Segalls«) gemacht.

Lafer: Segall ist ein sehr interessanter Maler. Er stammt ursprünglich aus der jüdischen Gemeinschaft von Vilnius in Litauen. Aber er hat in Deutschland an der »Akademie der Künste« in Berlin und an der Kunstakademie von Dresden studiert. Danach war er mit der Künstlergruppe »Dresdner Sezession« verbunden und ist deshalb eine wichtige Person innerhalb des deutschen Impressionismus, zusammen mit Otto Dix zum Beispiel. Aber schon davor kam Segall, der dort Geschwister hatte, zum ersten Mal nach Brasilien. Über den Ersten Weltkrieg ist er in Deutschland geblieben und danach in den 1920er Jahren wieder nach Brasilien, wo er sich mit einer Kusine meines Vaters verheiratete.

JR: Das ist also Ihre Verbindung…

Lafer: Dona Jenny Klabin hat den ganzen »Faust« Goethes übersetzt, es ist die kompletteste und sorgfältigste Übersetzung des Faust ins Portugiesische. Wegen dieser Verbindungen existiert das »Museu Lasar Segall« in São Paulo, von dessen Rat ich der Präsident bin. Viele Themen Segalls stehen in Verbindung mit dem Judentum oder mit der Verfolgung.

JR: Sind Sie wie Maria Luiza Tucci Carneiro auch besorgt wegen der aktuellen Situation in Brasilien?

Laser: In dem Buch über Segall schreibe ich über die »Cadernos de Guerra« (»Kriegshefte«), mit den Zeichnungen, die Segall zwischen 1940 und 1942 gemacht hat. Sie sind wahre Anklageschriften gegen die Verfolgung der Juden. Maria Luiza Tucci Carneiro schreibt über andere Aspekte, die im Zusammenhang mit dieser Thematik stehen. So hat sie etwa ein sehr wichtiges Buch über den Antisemitismus in der Ära Vargas (»O Antissemitismo na Era Vargas«) am Ende des Estado Novo in der zweiten Regierung von Getúlio Vargas geschrieben. Aber das ist eine politische Sorge, eine Sorge akademischer Natur. Ich glaube, das ist ein sehr wichtiges Thema weltweit. Das ist mehr in diesem Sinne, in dem ich die Angelegenheit sehe.

JR: Worin könnte denn der Wandel in der brasilianischen Gesellschaft mit dem sozialdemokratischen Kandidaten Aécio Neves bestehen, für den Sie sich bereits vor der ersten Runde der Wahlen ausgesprochen haben?

Lafer: Jeder, der seit der Redemokratisierung die Macht ausgeübt und das Land geführt hat, hat etwas Positives zu diesem beigetragen. Aber es gibt politische Momente, in denen der Wunsch Kontinuität ist und andere, in denen es das Streben nach Veränderung gibt. In meiner Einschätzung spreche ich als Bürger persönlich und nicht als Präsident der FAPESP. Der erste Durchgang hat ein Streben nach Veränderung gezeigt. Und deshalb denke ich, dass ein demokratischer Wandel jetzt einen bedeutenden positiven Effekt in allen Aspekten des brasilianischen Lebens hätte.